Interview Ernst Ulrich von Weizsäcker

Seit Jahren engagiert sich der Wissenschaftler für eine effizientere Nutzung unserer Ressourcen. Naturscheck sprach mit dem Träger des »Deutschen Umweltpreises 2008« bei einer Stadtbahnfahrt von Öhringen nach Heilbronn.

Mehmet Yesilgöz
Portät Prof. von Weizsäcker
Prof. von Weizsäcker

In Ihrem bekannten Werk »Faktor Vier« stellten Sie eine simple wie wirkungsvolle Strategie für ein umweltschonendes Wirtschaftswachstum vor. Durch den Einsatz effizienterer Technologien wollen Sie aus jeder Kilowattstunde Strom und aus jedem Liter Öl demnach das Vierfache an Wohlstand herausholen, also: doppelter Wohlstand bei halbiertem Naturverbrauch. Können Sie uns bitte diese interessante ökologische Gleichung erklären? Wie soll sie funktionieren?

Prof. von Weizsäcker Im Grunde gibt es zwei klare Forderungen, denen wir mit unserem Ansatz in »Faktor Vier« gerecht werden müssen. Wir wollen zum einen weltweit mindestens doppelt soviel Wohlstand. Diese soziale Forderung leuchtet sofort ein, wenn man die Misere in Städten wie Kalkutta, Lagos oder den Armengbieten von São Paulo vor Augen hat.

Andererseits sagen uns jedoch die Klimaforscher, daß wir dringend eine Halbierung der CO2-Emissionen, der Flächeninanspruchnahme, des Rohstoffverbrauches etc. benötigen um überhaupt überleben zu können! Halbierter Naturverbrauch ist ein ökologisches Gebot und doppelter Wohlstand ist aus sozialen Gründen geboten. Mein Freund und Co-Autor des Buches Amory Lovins (USA) und ich sahen aber, daß man diese beiden scheinbar konträren Forderungen mit der konsequenten Zuhilfenahme schon bestehender Technologien unter einen Hut bringen kann und somit eine Vervierfachung der Ressourceneffizienz technisch möglich ist! Ein Paradebeispiel ist die Verwendung effizienter Energiesparlampen anstelle alter Glühbirnentechnik.

Wobei auch hier Stimmen laut werden, daß der in diesem Bereich tätige Vorreiter Philips trotz aller ökologischen Vorteile »alte«, quecksilberhaltige Technik verkauft und zudem die Helligkeit der Lampen zu wünschen übrig läßt!

Prof. von Weizsäcker Das ist schon richtig, dennoch ist Philips bei aller Kritik auch die Pionierfirma für die nächste Generation von sogenannten LED-Lampen, die weitaus besser sind wie die heutigen Sparglühbirnen und natürlich auch kein Quecksilber mehr enthalten.
Auf jeden Fall haben wir hier ein Beispiel, wo wir früher völlig ineffiziente Technik verwendet haben und heute auf effizientere umsteigen. Man kann, um ein anderes Beispiel zu nennen, Autos so bauen, daß sie nur 1,5 Liter pro 100km benötigen und zwar schon, als wir vor ca. 15 Jahren unser Buch veröffentlichten! Man kann Häuser so herstellen, daß sie praktisch keine Heiz- oder Kühlungsenergie mehr benötigen. Man kann Lebensmittel so herstellen, daß sie eher Energie bringen, wie Energie fressen. Gerade hier bei der Lebensmittelproduktion kann man sicher einen Faktor vier, auf Dauer sogar einen Faktor zehn herausholen.

In Kürze erscheint Ihr Nachfolgewerk mit dem Titel »Faktor Fünf«. Worin unterscheidet sich dieses Buch denn von »Faktor Vier«?

Prof. von Weizsäcker Das Buch »Faktor Fünf«, das erst im Frühjahr 2010 erscheinen wird, hat zuerst einmal mit dem Australier Charlie Hargroves einen neuen Co-Autor. Wie man an der Ziffer des Titels sehen kann, sind wir in Punkto Effizienzsteigerung ehrgeiziger geworden, außerdem fokussieren wir uns in unserem Buch eher auf den asiatischen Raum, insbesondere auf China. Übrigens klingt das Wort »Vier« auf Chinesisch so ähnlich wie das Wort »Tod«, so daß diese Ziffer dort für Unglück steht! Angesichts dieser Tatsache war der Ratschlag der Chinesen an mich also, daß wir den Namen des Werkes ändern müssen, wenn wir damit Erfolg haben wollen!

Inhaltlich unterscheidet sich das neue Werk darin, daß wir weniger technizistisch auf Einzelbeispiele eingehen, wie in Faktor Vier, sondern eher ganze Branchen und Systeme betrachten. Natürlich gibt es aber auch wieder neue Beispiele. Zement kann man beispielsweise so herstellen, daß etwa nur noch 1/5 der CO2-Emissionen pro Tonne dabei entstehen. Außerdem gehen wir auf ein bisher vernachlässigtes Thema ein, den sogenannten Rebound- oder auch »Bumerang-Effekt«. Dieser Effekt bedeutet, daß alle Effizienzgewinne im Laufe der Zeit durch zusätzlichen Konsum »aufgefressen« und sogar überholt werden. In den USA, wo ich die letzten drei Jahre gelebt habe, hat zwar beispielsweise die Effizienz zugenommen, gleichzeitig ist jedoch auch der Verbrauch stark angewachsen. Wenn man also nichts gegen die Konsumzunahme, besonders in den reichen Ländern unternimmt, dann werden die erzielten Effizienzgewinne folglich aufgezehrt, so daß am Ende nichts mehr übrig bleibt für den Klimaschutz und die Natur!

Die »verschlafene« Öko-Wende kostet die deutschen Autobauer nach einem Bericht des Spiegels bis 2020 bis zu 190 Milliarden Eur! Ist dies die Quittung für einen zu spät eingeleiteten Strukturwandel hin zu mehr Effizienz, der in ihrem Buch mit gigantischen Strukturbrüchen und Kapitalvernichtungen umschrieben wird?

Prof. von Weizsäcker Das Beispiel der vor allem süddeutschen Automobilindustrie ist schlagend und traurig! Man hat zu lange auf den Effekt gesetzt den die Ökonomen seit den 1980er Jahren verkündet haben: Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer! Man konnte also mit großen Nobelkarossen wirklich Geld machen, mit den Kleinwagen hingegen war
sehr wenig verdient und dieseProduktions- und Marketingdevise der süddeutschen Autobauer hat sich im Nachhinein als großer Fehler erwiesen!
Porsche, Daimler, BMW sind heute allesamt in großen Schwierigkeiten, während der einzige Konzern, der in Deutschland einigermaßen ungeschoren aus der Krise herauskommt, Volkswagen ist. Zudem hat man dann auch noch Technologien wie zum Beispiel das Elektroauto verschlafen, das genau betrachtet nicht einmal unbedingt ein ökologischer Fortschritt ist. Dennoch hätte man seit ungefähr fünf Jahren wissen können, daß in Amerika und Japan der Trend in Richtung Elektroauto geht. Da Deutschland ja sehr stark vom Export abhängt, hätte man diese Entwicklung mitmachen müssen, unabhängig davon ob man in Deutschland viele Elektroautos haben will oder nicht!

Seit einigen Wochen läuft die ambitionierte Naturschutzdokumentation »Home«, die unter anderem die Aussage hat: »Es ist zu spät um pessimistisch zu sein«. nach Arthus Bertrand, dem Regisseur des Streifens hätten wir noch ein schmales Zeitfenster von ca. 10 Jahren, um die aktuelle Entwicklung umzukehren. Auch der Bericht des Weltklimarats (iPCC) ist sehr alarmierend! Wie sieht die Lage nach ihrer Einschätzung aus?

Prof. von Weizsäcker Es ist sehr zu befürchten, daß in Punkto Klima dieses schschmale Zeitfenster nicht genutzt wird! Es ist jetzt schon absehbar, daß der Klimagipfel von Koppenhagen im Dezember 2009 ohne durchschlagendes Ergebnis enden wird, obwohl Europa sich allergrößte Mühe gibt, wenigstens mit gutem Beispiel voranzugehen.
Die Chinesen, Inder, Brasilianer und weitere Länder haben jedoch im Vorfeld schon ganz klar erklärt, daß sie keine bindenden Selbstverpflichtungen aus Koppenhagen akzeptieren werden! Die US-Amerikaner wiederum sitzen auf einem einstimmigen Senatsbeschluß von vor 12 Jahren, der klimarelevante
Verpflichtungen und Zusagen ihrerseits ausschließlich von den Selbstverpflichtungen und der Kompromißbereitschaft der Chinesen, Inder, Brasilianer etc. abhängig macht! Es ist also fast vorprogrammiert, daß bei den Verhandlungen am Ende des Jahres nicht genug für unser Weltklima
übrigbleibt, ganz zu schweigen von dem massiven Artenverlust und der globalen Wäldervernichtung! Wir sind tatsächlich in ganz erheblichen Schwierigkeiten!

Sie schreiben: »China, Indien, Ägypten. Das Wettrennen um mehr Effizienz hat schon begonnen!«. China ist heute frischgekürter CO2-Weltmeister noch vor den USA und »Ressourcenfressers Nr.1«, Indien versinkt in seinem Müll. Wo bleibt die Effizienz im wichtigsten und wachstumsreichsten Wirtschaftraum der Welt? Wie gestaltet sich denn das Wettrennen heute 15 Jahre nach »Faktor Vier« überhaupt?

Prof. von Weizsäcker In China war unter Jiang Zemin bis vor wenigen Jahren eine Regierung an der Macht, die im Wesentlichen konventionelles, aggressives Wachstum wollte. Die neue Regierung hingegen, die seit drei oder vier Jahren unter Präsident Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao agiert, ist sehr viel ökologischer eingestellt. In ihrem aktuellen, also 11. Fünfjahresplan wurde eine Erhöhung der Effizienzsteigerung um 20% eingetragen und dieses Forderung nehmen die Chinesen sehr ernst!
Bei den Konjunkturprogrammen, die man im Zuge der Weltwirtschaftkrise in fast allen Ländern beschlossen hat, um aus der Flaute wieder herauszukommen, haben die Chinesen zusammen mit den Koreanern tatsächlich die größten ökologischen Anteile! Daran sieht man, daß China in den letzten Jahren sichtbar ein Bewußtsein für die Brisanz des Klimawandels entwickelt hat. Gleichzeitig läßt die Regierung jedoch auch keinen Zweifel daran, daß um des Wohlstands und Fortschritts Willen die Infrastruktur im alten Stil ausgebaut werden muß, und dieser Ausbau, den wir heute umwelttechnisch mit Sorge betrachten, werde laut der Führung, sicherlich nicht vor 2030 abgeschlossen sein. So lange könnten sich die Chinesen beim internationalen Klimaschutz kaum beteiligen. Das Land wird bei alledem bis in das Jahr 2030 dennoch deutlich geringere Pro-Kopf-Emissionen haben wie die Deutschen und erst recht wie die US-Amerikaner, deswegen fühlen sich die Chinesen nicht als die eigentlichen Schuldigen!

Sie schreiben an einer Stelle in ihrem Buch: »Warum sollen die länder den verschwenderischen Umgang mit Energie übernehmen?« Die Frage ist doch eher ob die Schwellenländer der g77 (loser Zusammenschluß von Staaten der Dritten Welt) durch den Druck der Globalisierung überhaupt eine Wahl haben, Sozial- und Umweltstandards und letztlich Effizienz à la »Faktor Vier« zu realisieren? In Erich Wagenhofers Film »let’s make money« wird klar ersichtlich, daß Investoren billige Arbeitskraft fordern und aus Renditegründen geradezu geringe Umwelt- und Arbeitsschutzstandards suchen. Wie soll in diesem Armutskreislauf der Rahmen für eine Effizienzsteigerung entstehen?

Prof. von Weizsäcker Was Sie hier ansprechen ist ein gewaltiger und wichtiger Themenkomplex! Man muß die doktrinäre neoliberale Ökonomie der 1990er Jahre aufs Schärfste kritisieren. Ich persönliche mache das, in dem ich in meiner Kritik auf den Urvater der Marktwirtschaft Adam Smith zurückgreife. Adam Smith ist nämlich völlig selbstverständlich davon ausgegangen, daß die geographische Reichweite des Rechts und des Staates mit der geographischen Reichweite des Marktes identisch ist. Dies bedeutet aber, daß die Markteilnehmer geographisch gesehen nicht mit der »Beute« davonrennen können! In Zeiten der Globalisierung ist genau dieses Grundprinzip verletzt worden, denn der Markt ist global und das Recht national, deswegen rennen die »Räuber« mit der Beute davon und hinterlassen Niedrigstlöhne, Not und Elend. Die Kapitalakkumulation (einseitige Kapitalanhäufung) scheint auf diese Weise keine Grenzen mehr zu kennen. In gewissem Sinne bin ich aber froh, daß diese Doktrin durch die Wirtschaftskrise 2008 endlich einen schweren Dämpfer erfahren hat. Doch unmittelbar nach dem sich wieder Erholungstendenzen bemerkbar machten, mußte man leider beobachten, wie die Repräsentanten dieser Mentalität wieder aus ihren »Löchern gekrochen kommen« und allen Ernstes behaupten: »Freier Markt! Deregulierung! Wir haben immer schon Recht gehabt!« Dies verdeutlicht, daß jene Sorte Mensch strukturell wohl unbelehrbar ist!

Scheinbar geht die alte »Party« jetzt nach dem wir die Krise unter gewaltigen Belastungen für die Allgemeinheit gerade einmal »fünf Minuten« hinter uns gelassen haben, gerade so weiter wie gehabt! Viele Konservative und Wirtschaftsliberale hängen anscheinend noch immer der Vorstellung nach, daß der freie, ungezügelte Markt zum Wohl aller Menschen führt?

Prof. von Weizsäcker Adam Smith sagte aber auch, daß der Markt ganz bestimmte Dinge gar nicht regeln kann und er hat dabei insbesondere die Infrastruktur gemeint. Er nennt zum Beispiel die Hafeninfrastruktur und die Leuchttürme, die kein Privatunternehmer je bauen würde und dennoch sind sie für alle gut. Dies verdeutlicht, wie sehr wir für vitale Funktionen wie Bildungs-und Gesundheitswesen, Verkehrs- und Umweltinfrastruktur usw. dringend einen stärkeren und nicht einen schwächern Staat benötigen. Das ganze Treiben der Wirtschaftsideologen der 1990er Jahre bis heute ist auf Schwächung des Staates ausgerichtet, was ein riesiger Fehler ist! Wir benötigen eine Balance zwischen Staat und Markt!

Wer könnte diese Balance herstellen? Unternehmen agieren global, die Regierungen und deren Gesetzgebungen sind außerhalb der Landesgrenzen nahezu die Hände gebunden. Die Welthandelsorganisation (WTO), der einzige »Global Player« der Staaten schert sich traditionell nicht im Geringsten um den Umweltschutz.

Prof. von Weizsäcker Eigentlich ist es die Aufgabe der Vereinten Nationen (UN), der G8 oder besser der G20, internationale Regeln zum Beispiel beim Kapitalverkehr zu etablieren. Auch die »Internationale Arbeitsorganisation« (ILO) wäre als Sonderorganisation der UN ein kompetentes Gremium, da es sich heute schon weltweit für sogenannte »Kernarbeitsnormen« einsetzt oder bei Klimaverhandlungen für die Durchsetzung von Mindeststandards kämpft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wiederum wäre für die Durchsetzung von bestimmten Hygienestandards, also gegen die Seuchenausbreitung zuständig etc. Anhand dieser Vielzahl an Gremien sieht man, daß es so etwas wie eine Weltinnenpolitik geben muß, ein Begriff übrigens, der von meinem Vater Carl Friedrich von Weizsäcker schon vor über 40 Jahren geprägt wurde. Wir benötigen, um es auf einen Punkt zu bringen, internationale Regeln zur Vermeidung der permanenten Aushöhlung der öffentlichen Güter!

Das stelle ich mir kompliziert vor, so etwas zu etablieren, gerade im Hinblick auf den protektionistischen Einfluß der USA.

Prof. von Weizsäcker Ist es auch! Hierzu bedarf es des Bewußtseinswandels, daß der Markt viele Dinge nicht nur nicht kann, sondern sogar schlimmer macht! Wenn dieser Bewußtseinswandel im wesentlichen da ist, wozu die Ereignisse der letzten Zeit beigetragen haben, dann besteht eine Chance, daß die UNO endlich wider gestärkt wird.

Gibt es bei aller Faktor Vier-, Fünf- oder Zehn-Effizienz nicht auch eine Grenze des Machbaren, z.B. eine kritische Masse an Menschen, die sich mit denselben fatalen Mustern auf dem Planeten bewegt und deren ökologischer Fußabdruck immer größer wird?

Prof. von Weizsäcker Der Faktor Vier ist ja genau für die Verkleinerung des ökologischen Fußabdruckes gedacht. Wenn man um einen Faktor Fünf effizienter wird, dann schrumpft zum Beispiel der deutsche »Fußabdruck« von derzeit fünf auf einen Hektar. Voraussetzung ist allerdings, daß man es richtig macht und den durch Effizienz erarbeiteten Vorteil nicht durch zusätzliches, übermäßiges Wachstum auffrißt! Den Indern gönne ich beispielsweise ohne weiteres eine Verfünffachung des Wachstums, aber möglichst so, daß dabei der indische Pro-Kopf-Fußabdruck nicht wächst. Trotzdem wird es irgendwo auch Grenzen der Wohlstandvermehrung geben und hier wird man nicht umhin kommen auch Genügsamkeit, Bescheidenheit oder Suffizienz lernen zu müssen. Es ist ja in allen alten Kulturen und großen Religionen völlig klar gewesen, daß die Maßlosigkeit und die Gier ein Zeichen von Unreife ist! Sobald sich das Bewußtsein über die ökologische Begrenztheit der Erde deutlich durchsetzt, bin ich mir sicher, daß auch die Suffizienz wieder einen kulturellen und politischen Wert bekommt.

Die USA als Fallbeispiel: Dort erlebt man ein rasantes Schrumpfen der Mittelschicht, die Schere zwischen Arm und Reich wird größer, Städte veröden, der Bildungsstand der Massen ist miserabel. Ist das nicht auch eine direkte Folge ineffizienter Technologien, von Energieverschwendung? Die Kriege für den Rohstoff Öl kosten doch hunderte von Milliarden Dollar, die der Steuerzahler zu begleichen hat. Die Wirtschaft baute Jahrzehnte auf billiges Öl und hinkt nun in Zeiten der Krise und des Sparens in Punkto Effizienz völlig hinterher. Sie gehen sogar einen Schritt weiter und bringen die Weltwirtschaftskrise sehr konkret in Verbindung mit der amerikanischen Art des Lebens.

Prof. von Weizsäcker Es ist völlig richtig, daß die ideologische Festlegung der amerikanischen Republikaner auf billigste Energiepreise, auf Expansion im Inneren, wie im Äußeren eine wesentliche Ursache für die gegenwärtige Krise ist und auch für das Aufreißen der Schere zwischen Arm und Reich. Ich unterstelle den Republikanern jedoch auch, daß sie wirklich geglaubt haben, diese fortschreitende Expansion brächte auch den Armen eine Besserung! Eine Zeit lang sah es tatsächlich so aus, als ob diese Rechnung aufgehen würde, in dem nämlich Familien, die sich vor einer Generation noch kein Haus leisten konnten, plötzlich eines besaßen; allerdings 50 Meilen außerhalb der Arbeitsplatzes! Als dann nicht etwa durch die Benzinsteuern in den USA, sondern durch die Weltmärkte der Autotreibstoff teuerer wurde, haben die Häuser ganz weit draußen plötzlich an Wert verloren, weil das Pendeln durch die Spritpreise auf einmal unerschwinglich wurde. Gerade die Ärmeren sahen sich gezwungen in Wohnwagen herumzupendeln, um nur irgendwie in der Nähe ihres Arbeitsplatzes zu wohnen. Die Folge war ein unvermeidlicher Wertverlustes der nun brachliegenden Häuser. Da diese Immobilien zudem alle auf »Pump« gebaut waren, konnten die Menschen nun auch ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen, woraufhin die Hypothekenbanken kollabierten. Im Anschluß sind immer weitere Teile des Finanzsystems zusammengefallen, besonders die Banken, die mit Immobilienspekulationen zu tun hatten. In Windeseile ist die ganze Finanzwelt aus den Fugen geraten, außer den Banken, die sich nicht an dem »Immobilien-Drahtseilakt« beteiligt hatten, wie zum Beispiel die sozial-ökologische GLS Bank.

In »Zivilisiert den Kapitalismus!« von Marion Gräfin Dönhoff heißt es:

»Als Wirtschaftssystem ist die Marktwirtschaft unübertroffen. Für eine Sinngebung hingegen reicht sie wirklich nicht aus. Sie ist sehr possessiv. Die Marktwirtschaft beansprucht den Menschen ganz und duldet keine Götter neben sich. Ihr Wesen ist der Wettstreit und ihr Motor der Egoismus: Ich muß besser sein, mehr produzieren, mehr verdienen als die anderen, sonst kann ich nicht überleben. … Alles Metaphysische, jeder transzendente Bezug ist ausgeblendet, das Interesse gilt ausschließlich dem wirtschaftlichen Bereich: Produzieren, Konsumieren, Geldverdienen.«

»Faktor Vier« steht für eine intelligente Umweltpolitik ohne Konsumverzicht, die aber von Technologieoptimismus geprägt ist. Bei allem muß der Mensch doch letztlich aber mitziehen und… innerlich mitwachsen! Geht es bei den ganzen Debatten um Nachhaltigkeit und Effizienz im Grunde nicht um die Besinnung des Menschen zu seinen geistigen Wurzeln und damit um ein neues Bewußtsein? Ist nicht das der Paradigmenwechsel?
Die Botschaft kann doch nicht sein: die Technik richtet es schon! Geht es letztlich nicht um die Abkehr vom Materiellen, rein verstandesgeprägten Prinzip des Menschen, das mit seinem Effekt der raschen Wunschbefriedigung ständig im Streit mit den Ideen der Nachhaltigkeit also des Reifens, des Hegens und Pflegens steht?
Benötigt der Mensch in seinem Geiste nicht den Faktor Vier? Eine Metaphysik die doppelten Tiefgang und Erkenntnisfähig bei minimaler materieller Anhaftung verspricht und somit seine Weiterexistenz sichert?

Prof. von Weizsäcker Gräfin Dönhoff hatte vollkommen recht, der platte Materialismus ist völlig unzureichend! In »Faktor Fünf« meinem Nachfolgewerk, haben wir dafür ein eigenes Kapitel Namens »Suffizienz«. Ich halte es für dringend nötig zu einem besseren Menschenbild als dem von Thomas Hobbes zu kommen, der den Egoismus als anthropologische Grundaussage postuliert und bejaht hat. Es gibt hierzu eine interessante anthropologisch-historische Analyse von einer amerikanischen Autorin mit dem Namen Mary Clark, die besagt, daß alle Gesellschaften, die auf diesem Egoismus aufbauten, sich letzten Endes zugrunde gerichtet haben. Wir brauchen also eine Art von solidarischer Weltgemeinschaft und eine solidarische menschliche Gesellschaft, doch davon sind wir weit entfernt! Der gesamte angelsächsische Kulturraum basiert einerseits auf Thomas Hobbes Anthropologie und andererseits, weil dieser theoretische Unterbau natürlich nicht ausreichen kann, oft auf fundamentalistisch religiösen Absurditäten!

Das Prinzip das sich heute auslebt ist doch ein Produkt einer absolut einseitigen analytischen Verstandestätigkeit, fernab von jedem Gemüt, jeder »Werte-Vorstellung« und Empfindungstiefe des Geistes. Die Frage ist doch in wie weit der Mensch, der heute weitgehend in diesem, wie Erich Fromm es ausdrückte, »Habens-Modus« verhaftet ist, überhaupt fähig ist, die von ihm ausgehende globale Gefahr zu erkennen? Arthus Bertrand meint hierzu:

»Das Problem ist, daß wir nicht glauben wollen, was wir eigentlich wissen. […] Alles, was in dem Film zu sehen ist, ist bekannt, aber niemand will es wahrhaben. Es ist wie eine Art kollektive Verweigerung.«

Prof. von Weizsäcker Ich möchte hierzu gerne eine historischen Anekdote erwähnen, die deutlich macht wie das mit der Bereitschaft Gefahren wahrzunehmen aussieht. Wenige Jahre nach dem das Penicillin von Sir Alexander Fleming in den 40er Jahren entdeckt worden ist, tauchten weltweit Penicillin-resistente Keime auf, wovon Insider auch wußten. Dennoch erreichte dieses Wissen nie wirklich die Öffentlichkeit und selbst als die Wahrheit hier und da aufblitzte, wurde sie von den Massen verdrängt; auch von der Medizinindustrie.
Erst als die pharmazeutische Industrie neue Antibiotika entwickelt hatte, wurde es plötzlich zum Geschäftsinteresse der Pharmaindustrie über Penicillinresistenz zu reden, wurde es zum guten Ton des Arztes seine Patienten über die möglichen Gefahren aufzuklären! Der Mensch scheint so gestrickt zu sein, daß er Gefahr erst dann wirklich wahrnimmt, wenn er einen Ausweg daraus sieht! Das Hauptmotiv bei »Faktor Fünf« liegt in der Erhöhung der Bereitschaft, die großen ökologischen Gefahren wirklich wahrzunehmen! Solange man glaubt, der Staat ist das eigentliche Übel, also quasi das Motto der FDP oder der amerikanischen Kapitalisten, solange bleibt man blind für die Fehler, die der Markt ständig produziert. Deswegen halte ich es für wichtig, die Positivperspektive zur Überwindung dieser Fehler anzubieten, damit auf diese Weise, quasi »unterhalb des Gehirns«, positive Lebensformen und Glück wieder gemütvoll wahrgenommen werden können.

Herr von Weizsäcker, ich danke Ihnen für dieses aufschlußreiche Gespräch!
Das Interview führte: Mehmet Yesilgöz

ⒸNATURSCHECK Herbst 2009
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mit freundlicher Genehmigung, Verlag für Natur & Mensch

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