Die Zukunft ist weiblich

Interview mit dem Ludwigsburger Heilpraktiker, Systemtherapeuten, ehemaligen Rechtsanwalt und Doktor der Philosophie Hans-Peter Milling.

Portät Dr. Hans-Peter Milling
Dr. Hans-Peter Milling

Herr Dr. Milling, wenn man sich die Liste Ihrer Berufsbezeichnungen betrachtet, wird man unweigerlich an Goethes »Faust« erinnert. Der »Faust« beginnt mit den Worten: Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor … Haben Sie außer der Philosophie, der Juristerei und der Medizin auch Theologie studiert?

Dr. Milling   Zuerst einmal vielen Dank für den Vergleich mit Goethe. Das ist eine zu große Ehre. Nein, Theologie habe ich nicht studiert. Ich bin in einem weitgehend atheistischen Elternhaus aufgewachsen. Mich hat mein Weg über die Philosophie hin zur Juristerei geführt; dort mußte ich erkennen, daß dies auf Dauer nicht mein Weg ist. Obwohl ich den Beruf viele Jahre ausgeübt habe. Über die Juristerei kam ich zur Mediation. Und schließlich zur Heilarbeit, indem ich durch systemische Begleitung Menschen helfe, ihr verlorenes Gleichgewicht wiederzufinden.

Auch Goethes Faust kommt zu der Erkenntnis, daß er die Lebenswahrheiten nicht im Studierzimmer findet, sondern nur unter Menschen. Goethe hat ja den »Faust 1« in jungen Jahren geschrieben. Bekanntlich als Tragödie ohne happy end. Den zweiten Teil schrieb er 60 Jahre später mit weit mehr Lebenserfahrung und ließ ihn mit den hoffnungsvollen Worten enden: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis … Und das Ewig-Weibliche hebt uns hinan. Das Leben hatte ihn gelehrt, daß im Weiblichen eine besondere Kraft liegt, die uns aufwärts führen kann, wenn wir ihr folgen. Vor einigen Jahren hielten Sie eine Vortragsreihe mit dem Titel: »Die Zukunft ist weiblich«. Ein richtungweisender Titel?

Dr. Milling   Der Vortragstitel war: »Die Zukunft ist weiblich!?«, mit einem Ausrufezeichen und einem Fragenzeichen dahinter. Ich wollte damals provozieren und trat deshalb sogar in Frauenkleidern hinter das Rednerpult. Viele meinten, daß ich zu dem Thema »Die Zukunft gehört den Frauen, und die Männer sind am Ende« referieren würde. Doch darum ging es mir gar nicht. Wir wissen inzwischen doch, daß wir alle – egal ob Mann oder Frau – männliche und weibliche Anteile in uns tragen. Und jede Population, sei es in der Tierwelt oder bei den Menschen, benötigt ein Gleichgewicht zwischen diesen männlichen und weiblichen Elementen. Zwischen Yin und Yang. Die Wissenschaftler nennen das Homöostase. Je mehr dieses Gleichgewicht verloren geht, desto mehr Konflikt entsteht. Wir leben seit langem in einer patriarchalen Gesellschaft mit allen bekannten Folgen, den Vernichtungskriegen, der Naturzerstörung, der Konkurrenzangst und vielem anderem mehr. Ich wollte vielmehr darauf hinweisen, daß alle – Mann wie Frau – ihre weiblichen Aspekte zu wenig leben.

Wann hat denn, Ihrer Ansicht nach, diese Verschiebung stattgefunden? Und vor allem warum?

Dr. Milling   Wir gehen heute davon aus, daß diese Verschiebung, dieser unheilvolle »shift« etwa 7.000 – 8000 Jahre vor Christus seinen Anfang genommen hat. Vermutlich im alten Ägypten. Wenn man intensiv in den alten Epen und Mythen forscht und Schriften wie das Alte Testament liest, findet man viele Anhaltspunkte. Davor lebten die Menschen in kleinen Verbänden wie Sippen oder Stämmen. Männer und Frauen waren gleichwertig.

Dieses ursprüngliche Gleichgewicht zwischen dem weiblichen und dem männlichen Prinzip ist irgendwann gekippt. Grund dafür – so die These – waren massive Naturkatastrophen. Man geht von Meteoriteneinschlägen aus und Vulkanausbrüchen, gefolgt von Flutwellen, um ein tausendfaches gewaltiger als die Tsunamis, die wir kennen. Solch eine Vulkanexplosion und der darauf folgende Tsunami haben vermutlich auch die minoische Hochkultur auf Kreta ausgelöscht, die ja über 6000 Jahre zurückreicht. Auch in Ägypten sind meterhohe Ascheschichten aus dieser Zeit gefunden worden. Es entstand plötzlich eine immense Ressourcenverknappung in vielen Teilen der Erde und große Erschwerung der Lebensbedingungen.

Inwieweit haben sich die veränderten Lebensbedingungen auf das angesprochene Gleichgewicht ausgewirkt?

Dr. Milling   Um das zu verstehen, muß man das Gesamte betrachten, den grundsätzlichen Unterschied in den Denkweisen von Männern und Frauen. Die weibliche Denkweise hat das Ganze, weniger die Teile im Blick. Sie hat viel mehr Gespür für das Gleichgewicht. Sie fügt mehr zusammen und bezieht alle Beteiligten mit ein. Im Gegensatz dazu ist die männliche Denkweise viel abstrahierender, wir sagen: linear kausal.

Wenn wir Männer mit dieser Denkweise von A nach B wollen, gehen wir »glatt durch alles hindurch«. Was links und rechts geschieht, interessiert uns nicht mehr. Wenn wir zur Nahrungsbeschaffung andere Völker angreifen und auslöschen müssen, tun wir es. Wir wollen nur von A nach B. Alles andere blenden wir aus. Und das ist in Zeiten des Mangels natürlich viel erfolgreicher als die andere, die weibliche Denkweise – allerdings nur kurzfristig!

Auf diese Weise wurden nach und nach all die Völker, die noch im Gleichgewicht waren, von den Völkern angegriffen, überrannt und erobert, die das männliche Prinzip vertraten. Wer einen Eindruck gewinnen will, wie das seinerzeit zuging, muß nur das Alte Testament lesen. Und was wir Europäer in der Folge auf der ganzen Welt angerichtet haben, zum Beispiel in Afrika und in Amerika ist ja unglaublich.

Wer die Unterwerfung und teilweise Ausrottung überlebt, folgt dem Beispiel, macht dann das gleiche – siehe Asien. Sonst hat er keine Chance zu überleben. Das ist ein Dominoeffekt ohne Ende! So hat sich diese Denkweise fast überall durchgesetzt. Und erst jetzt erkennen wir, daß diese Denkweise tatsächlich nur kurzfristig erfolgreicher ist, denn sie hat uns an den Rand der Selbstzerstörung gebracht. Der Film »Avatar« zeigt genau diesen Prozess der Eroberung und Ausrottung.

Was muß in der Zukunft geschehen, damit dieses natürliche Gleichgewicht, von dem Sie mehrfach sprachen, wieder hergestellt werden kann? Glauben Sie, es werden wieder gigantische Naturkatastrophen sein, die uns zum Umdenken bringen? Selbstgeschaffene Katastrophen sozusagen, als Folgen des »männlichen Explosionsprinzips« in der Technik, der Vergiftung und Zerstörung der Umwelt?

Dr. Milling   Das ist schwer zu sagen. Ich hoffe natürlich, daß es ohne allzu große Eingriffe von außen geht. Eines jedoch ist Grundvoraussetzung: ein grundlegender Bewußtseinswandel! Und der geht in Richtung Stärkung unserer weiblichen Anteile in uns selbst. Es geht darum zu erkennen, was wir alles ausblenden und kaputtmachen, und wir müssen wieder erkennen, daß alle Dinge und alle Lebewesen miteinander zusammenhängen und daß jede Handlung – egal wann und wo wir sie begehen – eine Auswirkung hat auf das Gesamte. Wenn dieser Bewußtseinswandel in Richtung weiblicherer Denkweise stattfindet, dann haben wir eine Chance.

Die Frauen sind unverkennbar auf dem Vormarsch. Auch in der Politik. Und doch sind es oft nicht die typisch weiblichen Eigenschaften, die diese Politikerinnen auszeichnen. Siehe Margret Thatcher oder andere. Muß eine Frau heute härter als der Mann sein, um sich in seiner maskulin dominierten Welt durchzusetzen?

Dr. Milling   Ich glaube, es geht auch heute noch nicht wirklich anders. Solche Frauen habe ich in meinem früheren Beruf als Rechtsanwalt oft erlebt. Sie können gar nicht anders, als ihre männliche Seite stärker zu entwickeln, weil sie sonst keine Chance hätten, in dieser männlichen Welt eine tragende Rolle zu übernehmen. Gerade in der Politik muß die Frau ihren männlichen Teil in den Vordergrund und den weiblichen in den Hintergrund drängen, um sich behaupten zu können.

Verliert eine Frau nicht ihre Weiblichkeit, wenn sie sich so verhält?

Dr. Milling   Ja. Frauen bezahlen oft einen hohen Preis und merken es sehr spät. Auch Frauen sind aufgefordert, ihren wunderbaren weiblichen Teil wieder stärker zu entwickeln, genau wie wir Männer. Es mangelt sowohl in der Frau als auch im Mann an diesem weiblichen, kooperativen Aspekt.

Unser Wirtschaftsystem ist ja auf der Illusion des ewigen Wachstums aufgebaut. Der »Turmbau zu Babel« läßt grüßen. In der Psychologie gilt dieses »immer höher« als typisch männliche Symbolik.

Dr. Milling   Richtig. Und auch für mich ist Wachstum eine Illusion. Wir wachsen gar nicht. Wir dehnen uns nur aus. Und je weiter wir uns ausdehnen, je größere die innere Leere, der Hohlraum wird, desto größer wird die Gefahr einer Implosion. Anderseits muß man sagen, daß wir Menschen ohne Krisen nicht lernen. Das liegt wohl in unserer menschlichen Natur.

Eine der größten Krisen der heutigen Zeit scheint die kollektive Orientierungslosigkeit zu sein. Vor allem bei jungen Menschen ist diese besonders ausgeprägt. In Ihrem Vortrag »Die Zukunft ist weiblich!?« erwähnen Sie mehrfach den Begriff »vaterlose Gesellschaft«. Was ist eine vaterlose Gesellschaft?

Dr. Milling   Nehmen wir ein Beispiel: Früher wurden Berufe zumeist vom Vater auf den Sohn vererbt. Der Sohn wußte noch, was der Vater beruflich tat, hat ihm sogar geholfen, wie es bei Bauern häufig noch der Fall ist. Heute ist der Vater im großen Konkurrenzkampf gefangen, muß Karriere machen, verbringt die meiste Zeit in der Firma. Orientierung ist so nur schwer möglich. Wir Männer sind nicht mehr da. Wir müssen kämpfen. Was haben die Kinder dann von uns? Nichts. Die Kinder werden von der Mutter erzogen. Da ein wirkliches männliches Vorbild fehlt, blähen wir uns später nur noch als Männer auf, ohne Substanz und mit dieser oben erwähnten inneren Leere. Wir erleben das täglich in unserer therapeutischen Arbeit, wie orientierungslos junge Menschen sind, weil sie ihre Väter nicht mehr haben.

Wenn wir nun noch darüber nachdenken, daß in Deutschland die alleinerziehende Mutter immer weiter auf dem Vormarsch ist …

Dr. Milling   In unserer Arbeit begegnen wir den Folgen auf Schritt und Tritt. Wir stellen fest, daß genau diese Orientierungslosigkeit die Jungen dazu bringt, nach Ritualen zu suchen, die sie nicht mehr haben. Diese Rituale waren in früheren Kulturen ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Also greifen sie zu Ersatzritualen wie Motorradgangs, Komasaufen, Extremsport oder Ähnlichem. Rituale, die eines gemeinsam haben – sie sind gefährlich. Wir brauchen diese Rituale, die uns helfen, in eine nächste Entwicklungsstufe überzugehen. Bei vielen Naturvölkern gab es diese Rituale für Jungen und Mädchen. Heute herrscht ein Vakuum.

Hier muß ich ein typisch schwäbisches Sprichwort erwähnen: Der Schwabe wird erst mit 40 gescheit. Ist es tatsächlich so, daß wir Männer immer später erwachsen werden?

Dr. Milling   Absolut. Manche werden es nie. Gerade in der höheren Wirtschaft gibt es viele Männer, die im Innersten noch kleine Buben sind. Und so verhalten sie sich auch. Natürlich tragen wir alle das innere Kind in uns. Doch ein »erlöstes« inneres Kind ist es nur, wenn es den Übergang von der Kinder- zur Jugendlichenstufe, und von der Jugendlichen- in die Erwachsenenstufe vollzogen hat. Hin zum wirklichen Mann- oder Frausein. Und dazu bedarf es gewisser Rituale. Und diese Rituale haben wir heute nicht. Wir Männer sind noch mehr abgekoppelt von der Natur als die Frauen, da wir noch weniger Rituale haben.

Da sie mehrfach die Natur und die Naturvölker als Beispiele eines harmonischen Gleichgewichts erwähnt haben, kommt unweigerlich das Bild vieler Städte in den Sinn, wo das Leben noch unnatürlicher zu sein scheint als auf dem Land. Wo Massen zusammenleben, ohne wirklichen Kontakt. Ist dort Orientierung überhaupt noch möglich?

Dr. Milling   Ein indianischer Autor – ich glaube, er heißt Vine Deloria – schrieb ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel: »Nur Stämme werden überleben«. Nur in überschaubaren Gemeinschaften ist ein natürliches Gleichgewicht möglich. Nur dort können die Rollen harmonisch verteilt werden. Was mich jedoch optimistisch stimmt: Wenn wir uns diese Metropolen betrachten, in denen Millionen von Menschen leben, wird sichtbar, daß dem Menschen selbst unter so widrigen Umständen ein Zusammenleben möglich ist, daß der Mensch ein überaus soziales Wesen ist. Es ist alles da. Wir haben in der Anlage, was wir für ein gutes Zusammenleben brauchen; wenn wir nicht den Teil verdrängen, der für Kooperation mit anderen Menschen und der Natur zuständig ist. Und dieser Teil ist eher dem weiblichen Prinzip zugeordnet.

Die Lösung liegt also wieder einmal in uns selbst? Wir müssen nur den ausgeblendeten, – wie Sie es nennen – weiblicheren Teil in uns wieder zum Vorschein bringen, und dann könnte sich etwas zum Besseren ändern?

Dr. Milling   Das ist zu hoffen! Wenn wir alle ein bißchen weiblicher denken und begreifen, daß alles miteinander verbunden ist, daß es nichts gibt ohne Konsequenzen, und daß wir in einer großen systemischen Gemeinschaft leben, dann sind wir schon einen großen Schritt weiter.

Herr Dr. Milling, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.
Das Interview führte: Michael Hoppe

ⒸNATURSCHECK Frühling 2010
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